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BERLINER MORGENPOST, 21.11.2006
 

aus der berliner morgenpost vom 21. november 2006

gut essen: hamburg kocht berlin ab

die hansestadt hält seine pole-position bei michelin-sternen, berlin knapp dahinter

von nikolas rechenberg

die klassischen stichworte im tauziehen der streithähne berlin und hamburg lauten olympia, universal und deutsche bahn. in allen punkten hat berlin derzeit leichte standortvorteile, räubert in der hansestadt oder verteidigt einfach nur sein revier.

aber im kulinarischen wettkampf der besten köche hält hamburg einen knappen vorsprung. hatte berlin vor einigen jahren noch mehr sterne-restaurants als die hansestadt, hat diese der hauptstadt inzwischen den rang abgelaufen. das ist das ergebnis der neuesten ausgabe des michelin-restaurantführers 2007, der am 23. november in die buchläden kommt.

darin verteidigt hamburg seinen ersten platz in deutschland, keine stadt hat mehr michelin-sterne. elf davon leuchten im norden, in berlin sind es trotz der beiden neuzugänge "44" und "vitrum" nur zehn restaurants.

wer auf einer gala hamburgs oberste gourmet-instanz, die chefredakteurin des "feinschmeckers", madeleine jakits, mit der bemerkung provoziert: "demnächst haben wir aber mehr sterne als ihr in hamburg" - dem zeigt sie lokalpatriotisch die kalte schulter: "was habt ihr in berlin denn schon zu bieten."

frau jakits weiß, dass sterne durchaus ein faktor für den tourismus sind. nicht wenige genuss-touristen kommen nach london oder paris, um sich durch die restaurants zu essen. sterne sind unterschätze faktoren für kongresse und kundenveranstaltungen. wobei der niveauunterschied beträchtlich ist: so hat london immerhin über 30 sterne-restaurants und paris über 60!

jetzt also die neuen sterne von tim raue und thomas kellermann. hamburg hat im aktuellen michelin nur einen neuzugang. berlin bleibt also am ball und holt auf. der vorteil der hauptstadt: die gastro-szene in berlin gilt als kreativer und beweglicher.

schon im nächsten jahr könnte es zum gleichstand kommen. die "weinbar rutz" wurde als hoffnungsträger im michelin ausgezeichnet. wenn es gut läuft, bekommt das elegante restaurant mit seinem ambitionierten chefkoch marco müller im nächsten jahr die begehrte auszeichnung. in hamburg gibt es keinen hoffnungsträger, das "louis c. jacob" hat die chance auf zwei sterne ungenutzt verstreichen lassen.

dahinter stecken eine trendwende und eine bedeutende verjüngung innerhalb des michelins. immer mehr 30-jährige testen die restaurants, sie legen nicht mehr so viel wert auf steifen und unnahbaren service, sondern auf lockere kommunikation und entspannte atmosphäre. beste bespiele sind das "44", das "hugos" oder das "vau" - das demnächst eine weibliche sommelière bekommt. der gast will spaß am essen auf hohem niveau und keine uneinnehmbare fress-tempel wie noch bis in die 90er-jahre.

der michelin trägt diesem trend rechnung und unterstützt damit restaurants, die kein hotel mit millionen-budget im hintergrund haben - wichtig für einzelgänger wie das "margaux" oder das "vau", deren köche sich finanziell mit fernsehsendungen über wasser halten.

als trost bleibt, dass berlin ja köche an hamburg abgegeben hat. wie vor jahren karlheinz hauser aus dem adlon, der in hamburg-blankenese auf dem süllberg einen leuchtenden stern hat. und wer weiß, vielleicht kehrt der im schlosshotel geschasste jörg behrend ja auch wieder in die hansestadt zurück.

in potsdam verteidigt das restaurant "friedrich-wilhelm" im hotel bayrisches haus wacker brandenburgs einzigen stern. chef alexander dressel wird immer souveräner am herd und hält das "relais & chateaux"-banner seiner hoteldirektorin gertrud schmack in ehren.




tagesspiegel, 21.12.2006 | weingourmet ausgabe 4. 2006

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